«Schweizer Paradoxon 1»

Billig kann ich mir nicht leisten

Schweizer Paradoxon Braune Aktentasche aus Leder, welche sich auf einem Holzfußboden befindet

Klingt vielleicht komisch – aber seit der bewussten Beobachtung der regelmässig stattfindenden Sperrmüll-Abfuhren, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Falls Sie einmal die Gelegenheit haben: Schlendern Sie am Vorabend dieser «Ereignisse» einmal durch die (städtischen) Strassen und betrachten Sie, was sich so alles am Strassenrand anhäuft. Angesichts der ausgeprägten «Discountkultur» ein Paradoxon – oder doch nicht?

Was veranlasst uns, in regelmässigen Abständen den Hausrat zum Strassenrand zu tragen? Nicht nur den Hausrat, sondern sämtliche Gebrauchsgegenstände wie Kleidung, Dekorationsartikel oder Bücher? Für mich drängen sich dazu folgende fünf (nicht abschliessende und überlagernde) Thesen auf:

  • der Modezyklus lässt insbesondere Textilien und Möbel schnell veralten,
  • wir können uns nicht entscheiden und wählen deshalb «Übergangslösungen» beim Kauf,
  • die (mindere) Qualität der Produkte begrenzt deren Lebensdauer,
  • wir sind nicht bereit, für Qualität mehr zu bezahlen,
  • wir können gute nicht mehr von minderer Qualität unterscheiden.

Ich beobachte vor allem, dass der (günstige) Preis in vielen Situationen die Sicht auf die Qualität verdeckt. Dies führt dazu, dass zum Zeitpunkt des Kaufs zwar ein unmittelbares Glücksgefühl entsteht («da habe ich ein Schnäppchen gemacht»); die Rechnung aber nicht mit der prognostizierten Lebensdauer des Gegenstandes gemacht wird – weil zu abstrakt. Die Konsequenz daraus ist, dass die Wanderschuhe oder der Kleiderschrank regelmässig ausgetauscht werden müssen, weil sie einer längeren Gebrauchsbelastung nicht standhalten. Eine Reparatur ist oft keine Option mehr (wer kennt die Hosenflicken zum Nähen oder Aufbügeln noch?) oder wird auch gar nicht mehr angeboten («Ersatzgerät statt Ersatzteile oder Reparatur»). Das treibt die Sperrgut-Berge am Strassenrand entsprechend in die Höhe.

Bei der Betrachtung der Gesamtrechnung wird schnell klar, dass man sich «billig, eigentlich gar nicht leisten kann». Für dieses unmittelbare Glücksgefühl beim Kauf, werden Missstände in der gesamten Wertschöpfungskette in Kauf genommen und unter dem Strich zahlt man auch persönlich noch drauf, weil man viel öfter Ersatzinvestitionen tätigen muss (die in der Summe teurer zu stehen kommen, als einmal auf ein Qualitätsprodukt zu setzen). Gerade deshalb liebe ich meine Aktentasche (fürs Leben).